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TISCHKICKER

Ein Besuch beim Tischkicker-Hersteller Leonhart
[05.12.07 13:30]
Das kleine Wirtschaftswunder von Niederbayern
Ein Besuch beim Tischkicker-Hersteller LeonhartAm Anfang war das Taschentuch. Xaver Leonhart, geboren am 5. November 1926 in Harburg, einem Dorf im niederbayrischen Landkreis Landau, war ein junger Schreiner und hatte einen frisch ausgestellten Meisterbrief in der Tasche. Im Krieg war einiges kaputt gegangen und jetzt, wo die Wirtschaft wieder langsam in Schwung kam, gab es für den Sohn eines Landwirts jede Menge zu tun. Das Geschäft lief gut. Die Möbel- und Bauschreinerei expandierte, bald waren 30 Angestellte in Lohn, und 1960 wurde sogar ein zweites Werk eröffnet. Im selben Jahr stellte Leonhart sein Sortiment – darunter Verkaufsschlager wie die „Lexa-Patentcouch“, die sich mit einem Griff in ein Bett verwandeln ließ – mal wieder auf einer Handwerksmesse aus. Dort kam er mit einem Automatengroßhändler ins Gespräch, den große Sorgen plagten.
Wirte und Aufsteller von Tischfußball-Geräten klagten nämlich ständig über Rüpel, die immerzu Taschentücher und anderen Unrat in die Tore der Kicker stopften, um sich so das Geld für neue Spielbälle zu sparen. Der Händler war ratlos, der Handwerker herausgefordert. Er machte sich seine Gedanken, tüftelte, bastelte und am 3. April 1960 hielt er schließlich ein Patent auf die „Vorrichtung zur Verhinderung des Zustopfens von Balleinläufen bei Tischfußballspielen“ in den Händen, fortan auch kurz „Taschentuchsperre“ genannt.
Bei der Vermarktung seiner Erfindung machte der gewiefte Leonhart keine halben Sachen:
Statt die Vorrichtung einzeln zu verkaufen, baute er kurzerhand einen kompletten Tischkicker an seine Taschentuchsperre und verkaufte diesen unter dem Namen „Leonhart Turniersieger“.

Der Turniersieger kam zur richtigen Zeit. Das Wirtschaftswunder hatte nicht nur Lohntüten, sondern auch Gaststätten gefüllt und idealen Nährboden für den Kneipensport geschaffen. Der Bedarf an Spielgeräten stieg, und so verließen 1962 monatlich 250 Tische das Möbelwerk. Inzwischen hatte der Schreinermeister ein weiteres Bahn brechendes Patent angemeldet, die „Mechanische Münzauslösevorrichtung mit Freigabestange“, die verhinderte, dass Spiele mit falschen Münzen und Hosenknöpfen erkauft wurden. Das Geschäft brummte. Erst recht, als dann Mitte der 60er Jahre der Deal mit der Patterson International Cooperation aus Cincinnati zustande kam. Für den amerikanischen Großhändler fertigten die Niederbayern Tische mit neuem Design. Angelehnt an den deutschen „Fußball“ stand am Rahmen der Kicker in fetten Lettern „FOOSBALL“ geschrieben. Das kam gut an.
So gut sogar, dass der importierte Begriff zum Synonym für den damals auch in den USA boomenden Freizeitsport wurde. Heute ist Foosball in den USA und Kanada die offizielle Bezeichnung für Tischfußball.
Weit über 5000 Geräte gingen nach Übersee, bis Mitte der 70er Jahre dann eine Verschärfung der Einfuhrzölle und billige Nachbauten Leonhart das Amerika-Geschäft vermiesten. Um das auszugleichen, erweiterten die Niederbayern ihr Repertoire um Billardtische und forcierten wieder den Möbelbau.
Mitte der 80er erlebte der Leonhart-Kicker dann seine zweite Blüte, als vom Großhändler „Löwen“ der Auftrag kam, Soccer-Tische zu bauen. In den USA waren Nachbauten des Turniersiegers mit amerikanischen Soccer-Figuren bestückt worden, deren Fuß untenherum abgerundet und an den Seiten begradigt war. So einen Tisch wollte „Löwen“ nun von Leonhart haben. Wenn man so will, bauten die Harburger für die neue Edition den Nachbau ihrer eigenen Tische noch einmal mit modifizierten Figuren nach. Unter der „Löwen“-Flagge etablierte sich der Leonhart-Kicker dann endgültig auch bundesweit als Standardtisch.

Was den Foosball schon in die Krise gestürzt hatte, widerfuhr mit zehnjähriger Verspätung auch dem Tischfußball. In den USA hatten seit 1980 Pac-Man und Kollegen den Kickertischen in der Spielhalle den Rang abgelaufen.
Anfang der 90er verdrängten Arkadenspiele, Spielautomaten und das kurz boomende Billard auch hierzulande den Kicker aus Kneipen und Gaststätten. Leonhart ging es schlecht. Die Möbelproduktion wurde ganz eingestellt, die Hälfte des Personals entlassen.
1999 kam es dann ganz dick, als „Löwen“ seine Lizenz zwischenzeitlich an die Firma Lehmacher vergab. Der Umsatz brach um 80 Prozent ein, Mitarbeiter wurden entlassen, das Zweitwerk geschlossen. Auch wenn der Auftrag 2001 wieder an Leonhart ging, war diese Krise das Startsignal, sich künftig stärker selbst zu vermarkten.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bescherte Leonhart Rekordumsätze. Jeden Monat wurden 250 Kicker verschickt. „Wir mussten sogar zusätzliche Arbeiter einstellen“, erinnert sich Helga Fiedler, die das Familienunternehmen seit dem Tod des Vaters im Sommer 2002 zusammen mit ihren Söhnen Andreas (33 Jahre) und Christian (29) führt. „Das war noch einmal wie in den alten Zeiten.“ Um den Bestellungen überhaupt noch nachzukommen, musste Leonhart mit einem Grundsatz brechen. „Wir verbauen sonst nur Produkte von Herstellern aus der Region“, so Andreas Fiedler, Enkel des Firmengründers, „zur WM mussten wir aber kurze Zeit auch mal Spielstangen importieren.“

Der Kostendruck wächst. Vom Firmenbüro aus werden heute nicht nur immer mehr Tische auf Internetbestellung im Direktverkauf nach ganz Europa verschickt. Hier hat man auch fest im Blick, was die Konkurrenz macht, wie die Befindlichkeiten in den Online-Foren sind und welche neuen Marken auf den Markt drängen. Die Herstellung der Tischkicker hat sich globalisiert, und was man da in asiatischen Fabriken zusammenbaut, wird bei Leonhart längst nicht mehr nur als Ramsch belächelt. „Man spricht ja immer von den drei großen L: Löwen, Leonhart, Lehmacher“, so Christian über die Verhältnisse auf dem deutschen Markt, „es kann aber auch gut sein, dass da bald ein F für Fireball hinzukommt.“

Die Traditionsfirma richtet sich ein auf den neuen Wettbewerb. Neben den Kneipen-Kickern mit Münzprüfer setzt das Familienunternehmen heute verstärkt auf abgespeckte Heimversionen und Sport-Tische, die nationalen wie internationalen Wettkampfbedingungen entsprechen. „Weg von der Kneipe, hin zum Sport“, fasst Christian Fiedler die strategische Ausrichtung von Leonhart zusammen. Erstes Ergebnis ist die neue Reihe der „leo_pro-tables“, deren Modelle vom Deutschen Tischfußballbund (DTFB) in den Pool offizieller Turniertische aufgenommen wurden. „Immer mehr Spieler betreiben Tischfußball als Sport und kaufen sich Tische, um zuhause für Wettkämpfe zu trainieren“, so Helga Fiedler, „deshalb bestimmen solche Zertifikate auch immer stärker den Absatz.“ Als nächstes steht eine Begutachtung der neuen Serie durch die International Table Soccer Federation (ITSF) an. Wenn da alles klappt, könnte Leonhart den Sprung ins internationale Geschäft packen.
Die Geschichte der Firma Leonhart ist die eines typisch deutschen Kleinunternehmens:
Gründung in der Nachkriegszeit, schneller Aufbau im Wirtschaftswunder, danach Höhen und Tiefen, eine Krise in den 90ern und schließlich die Herausforderung des globalisierten Marktes. Die gesamte Entwicklung und ihre einzelnen Stationen lassen sich im Werk besichtigen, wo vom Turniersieger, der bis heute 71.000 Mal verkauft wurde, bis hin zur neuesten Sport-Edition alle Tischmodelle zum Verkauf parat stehen. Rund 50 Kicker werden pro Woche produziert, ständig auch Ersatzteile ausgeliefert. Das Unternehmen, das heute 25 Angestellte beschäftigt und seinen Standort nach wie vor gleich neben dem Geburtshaus des Großvaters hat, setzt weiter auf die Verbindung von Tradition und Innovation.
Xaver Leonhart war ein solider Handwerker und verspielter Erfinder. Ein leidenschaftlicher Tischfußballer, erzählt seine Tochter, sei er nie gewesen. Er hatte ein ganz eigenes Hobby. Nichts habe ihm mehr Spaß gemacht, als in Harburg als Zauberkünstler aufzutreten. „Er nannte sich Zauberer Rasso“, grinst Helga Fiedler, „es war für ihn das Größte, den Leuten im Ort seine neuesten Tricks vorzuführen und sie damit zu verblüffen.“ Die Fiedlers wollen das Unternehmen Leonhart im Geist des großen Magiers fortsetzen. „Wir wissen um unsere Qualitäten“, sagt Christian, „und wir versuchen, den anderen damit immer einen Schritt voraus zu sein.“

Autor: Tobias Neuhaus
Bild: Tobias Neuhaus


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