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Am Tisch mit den Großen
Zwischen Nationalteam und Gelegenheitsjobs [26.11.08]

Im Leben von Lilly Andres dreht sich mittlerweile alles um den Kasten mit den acht Stangen: Innerhalb nur weniger Monate ist die 24-jährige Berlinerin an der Tischkicker-Weltspitze angekommen. Seitdem ist sie fast jedes Wochenende in ganz Europa unterwegs.
Am Tisch mit den Großen„Ich hasse Kickern“, ruft Lilly Andres. Sie erinnert sich an den Tisch, den ihr Vater anschleppte, als sie noch klein war. Genau einen Tag lang war der Kasten für sie damals interessant. Den Abend jetzt an so einem Teil verbringen? Nein, danke. Doch Lillys Freunde lassen nicht locker. Sie sind zu dritt im Jugendzentrum Mainz und brauchen einen vierten Mitspieler fürs Doppel. Sie überreden Lilly. Und werden zu Kupplern einer besonderen Freundschaft. Denn schon nach wenigen Spielen ist Lilly mit Begeisterung bei der Sache. Heute, kaum vier Jahre später, gehört sie zu den zehn besten Tischfußballspielerinnen der Welt. Ihr Zögern im Jugendzentrum ist typisch für die 24-Jährige und ihre Tischfußballkarriere. Nach ihrem Umzug vom kleinen Städtchen Heidesheim am Rhein in die Metropole Berlin findet sie durch das Kickern bald Anschluss. Als ihr jemand aus dem neuen Freundeskreis vorschlägt, gegen die besten Spieler Berlins anzutreten, lässt sich Lilly erneut lange bitten. Doch die Herausforderung reizt sie. Lilly überwindet sich – und erlebt einen Schock. „Ich bin da rein gegangen und nach einer halben Stunde sofort wieder raus, weil ich mir dachte: ‚Nee, das macht keinen Spaß. Eine Woche später war ich wieder da.’“
Am Tisch mit den GroßenAb sofort lässt sich Lilly Woche für Woche von den Profis im Berliner Landesleistungszentrum die Bälle um die Köpfe ihrer Tischkickerfiguren schießen. Aufgeben will die ehrgeizige Anfängerin aber nicht. Sie beobachtet die Techniken ihrer Gegner genau und versucht sie zu kopieren. Bald kommt sie wenigstens hin und wieder zu einem Torerfolg. Irgendwann kann sie mithalten. Sie nimmt an Turnieren teil und landet schon bei ihrem vierten Versuch im Doppel auf Platz eins, im Einzel auf Platz zwei. „Und das nur, weil ich vergessen habe, ‚ein Tor zu stellen’, also die Toranzeige zu aktualisieren“, lacht sie heute rückblickend. Die Niederlage im Finale kann sie leicht verkraften. Denn nach dem Turnier wartet in ihrem E-Mail-Postfach eine Einladung des Bundestrainers. Schon zwei Wochen später spielt sie für das deutsche Team bei der World Championship Series in Paris. Als beste Deutsche der Weltrangliste soll Lilly bald an der Weltmeisterschaft in Italien teilnehmen. Doch sie zögert erneut. „Die haben dort einen Tisch gespielt, den ich noch gar nicht richtig kannte“, erklärt Lilly. Es gibt fünf vom Weltverband zugelassene Tischarten, die sich alle unterschiedlich spielen. Aber wie schon in Mainz und Berlin lässt sich Lilly überreden. Sie wird beim Turnier sensationelle Fünfte. Innerhalb von nur wenigen Monaten ist Lilly Andres in der Tischfußball-Weltspitze angekommen.
Am Tisch mit den GroßenTrotz ihres Durchmarsches in die Top-Ten der Weltrangliste muss Lilly aber immer noch um Anerkennung spielen. „Ich habe mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Wenn du ein Mädchen bist, gehen die Leute einfach davon aus, dass du nicht kickern kannst“, meint sie kopfschüttelnd. Nicht nur in Kneipen muss sie sich immer wieder blöde Sprüche gefallen lassen. „Neulich kam auf einem Turnier ein anderer Spieler auf mich zu und meinte: ‚Für eine Frau spielst du ganz gut.’ Da konnte ich nur sagen: ‚Und für einen Kerl spielst du echt schlecht!’“ Inzwischen dreht sich alles in ihrem Leben um den Kasten mit den acht Stangen. Sie spielt für die Nationalmannschaft, ist Teamkapitänin einer Bundesliga-Mannschaft und Sportwärtin beim Berliner Tischfußballverband. Fast jedes Wochenende ist sie in ganz Europa unterwegs. Allein in diesem Jahr sind es 38 Termine. Wenn Lilly nicht selbst spielt, organisiert sie im Hintergrund den Ablauf der Turniere. Durch ihr Geschick an den Kurbeln ist sie schon weit in der Welt herumgekommen. Schweiz, Belgien, Frankreich, USA, Österreich. Auch einer der Gründe, warum sich Lilly ein Leben ohne Kickern gar nicht mehr vorstellen kann. „Es gibt wahrscheinlich wenige in meinem Alter, die in ihrem bisherigen Leben schon so viel gesehen haben, wie ich in einem Jahr“, sagt sie.
Am Tisch mit den GroßenViel Zeit für Anderes bleibt da nicht, auch nicht für eine geregelte Arbeit. „Kickern nimmt mein ganzes Leben ein. Ich halte mich mit irgendwelchen kleinen Jobs über Wasser“, sagt Lilly und zählt auf, was sie schon alles gemacht hat. Die Liste hört sich an wie ein kurioser Auszug des täglichen Stellenmarkts in der Zeitung. Neben Kellnern und vergleichbaren Jobs hat Lilly auch schon Autoüberführungen gemacht, den SMS-Chat eines großen Privatsenders überwacht und in einer Druckerei 16.000 Ordner abgeheftet. Die finanzielle Unsicherheit nimmt Lilly aber gerne in Kauf. Denn mit dem Tischfußball hat sie ihren Lebensmittelpunkt gefunden. „Ich hatte immer das Gefühl, meinen Weg nicht zu finden. Dann kam ich zum Kickern und ich war zum ersten Mal glücklich“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht. Es geht ihr dabei nicht nur um das Kickern alleine: „Die Leute, das Reisen, die Freundschaften, die Freiheit in meinem Lebensstil. Das sind alles Dinge, die ich dem Tischfußball verdanke und die ich nie freiwillig aufgeben würde.“ Zu verdanken hat sie diese Dinge aber nicht nur ihrem Talent, sondern auch der Hartnäckigkeit ihrer drei Freunde aus Mainz, die einst einen vierten Mitspieler suchten.

Autor: Max Ost
Bilder: Ragnar Schmuck


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