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„Die Deutschen lernen aus Videos, die Franzosen auf der Straße“ Freestyle-EM in Paris [30.06.08]
 Tommy wirft im Gespräch die entscheidende Frage auf: „Wie beurteilt man eigentlich Style? Das sind doch alles subjektive Einschätzungen, da muss eigentlich ein standardisiertes Regelwerk her!“ Aber der Reihe nach. Tommy Rist, 24 Jahre, angehender Diplom-Sportwissenschaftler, war neben Camill Hauser einer der zwei für Deutschland startenden Teilnehmer der – na ja – ersten Europameisterschaft im Freestyle. Relativieren muss man das aus zweierlei Gründen: Zum einen gab es eine ähnliche Veranstaltung beispielsweise im letzten Jahr in Wien, zum anderen existiert in der noch jungen Sportart Freestyle bisher kein Dachverband, der dieses Turnier zu einer echten, offiziellen Europameisterschaft adeln könnte. |  Letzteres impliziert leider auch, dass es keine Organisation gibt, die Regularien vorschreiben könnte. Das macht Fußball-Freestyle zwar weiterhin zu einem Underground-Sport, was ja auch Vorteile haben kann, erschwert jedoch enorm die Bewertung eines solchen Turniers, wie es etwa von der französischen Agentur „Komball“ im Rahmen einer Fußballmesse am 8. und 9. März veranstaltet wurde. In der Jury saßen: Rai, der einstige Fußballer von Paris St. Germain und brasilianische Weltmeister, der bekannte Breakdancer Junior sowie ein ehemaliger Freestyler vom Veranstalter „Komball“. Da mag man schon mal munkeln, dass die Jury nicht ganz objektiv beurteilt haben kann – böse Zungen sprechen sogar von einer Wertung wie beim „Grand Prix d´Eurovision“. Aber das bestätigen weder Tommy noch Camill. Allerdings ist beiden aufgefallen, dass in Frankreich die Breakdance-Komponente eine wichtigere Rolle spielt als bei anderen Veranstaltungen dieser Art. |  Sicherlich einer der Gründe, warum die deutschen Vertreter es nicht in die Runde der besten Acht geschafft haben. Beide hatten sich dennoch einiges vorgenommen. Tommy: „Ich wusste, dass ich mich nicht optimal vorbereiten konnte, aber zeitgleich war mir klar, dass ich nur ins Finale kommen würde, wenn ich anspruchsvolle Tricks mit einem hohen Schwierigkeitsgrad zeige.“ Sein Mut sollte in der dreiminütigen Kür nicht belohnt werden. Dennoch zeigt sich Tommy zufrieden und blickt optimistisch in die Zukunft: „Im Sommer ist ein ähnliches Turnier geplant, bis dahin habe ich mehr Zeit zum Trainieren. Vier bis fünf Stunden am Tag werde ich diesmal investieren. Nur so kann man sich wirklich weiterentwickeln.“
Freestyler wie John Farnworth, der nach der Vorrunde mit 16 Teilnehmern noch Erster war, üben täglich bis zu sieben Stunden. Doch auch das hat dem Turnierfavoriten aus England nicht viel genutzt. Im Finale der besten Acht schied er überraschend gegen den Achtplatzierten des Vortages aus.
|  In dieser Runde traten die Freestyler wie beim Breakdance im Modus Eins gegen Eins an und hatten jeweils zweimal eine Minute Zeit, den Opponenten mit atemberaubenden Tricks zu übertrumpfen. Vier Bewertungsparameter waren in Paris entscheidend: Style, Show, Schwierigkeit und Kreativität. Doch genau hier offenbart sich das oben erwähnte Dilemma: Es fehlt an Richtlinien, Regelwerk, Bewertungsmaßstäben. Dominik Kaesberg von der Kölner Freestyle-Agentur „Fußballmarkt“ sagt: „Das Turnier war enorm wichtig für die Entwicklung des Freestyle-Fußballs. Man hat aber auch gesehen, woran es noch mangelt und was besser gemacht werden muss.“ Gewonnen hat das Turnier zwar ein Ire mit dem Künstlernamen „Nam, the man“, doch die Franzosen dominierten das Turnier. Tommy nennt einen wichtigen Grund: „Einer der größten Unterschiede zwischen den deutschen und den französischen Freestylern besteht darin, dass die Deutschen aus Internet-Videos lernen und die Franzosen auf der Straße. Dort ist ja auch die Straßenkünstler-Szene viel präsenter. Freestyler treten mit Breakdancern auf und üben gemeinsam.“ |  Im Allgemeinen ist das Internet jedoch nicht nur für deutsche Balljongleure relevant. Die Freestyle-Szene trifft sich virtuell weltweit im Netz. Hier werden Kontakte geknüpft und vor allem Tricks ausgetauscht. In einschlägigen Foren werden (vermeintliche) Innovationen präsentiert und diskutiert. Via Internet sind auch Tommy und Camil mit dem Freestyle-Virus infiziert worden. Tommy: „Als ich das legendäre Video ‚Deel 1’ von Sofiane Touzani gesehen habe, wusste ich, dass ich das auch alles können will.“ Auch Camill ist vom Niederländer inspiriert worden: „Natürlich habe ich damit begonnen, um ein wenig auf dem Fußballplatz aufschneiden zu können“, gesteht er verschmitzt. Sowohl Tommy als auch Camill haben „ganz normal“ mit Fußball als Vereinssport angefangen, bevor sie den Entschluss fassten, sich nur noch auf die Zauberei mit der Kugel zu konzentrieren. Wie auch viele andere in letzter Zeit, denn Freestyle boomt immer mehr im sonst doch eher konservativen Fußball-Deutschland.
Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich der Underground-Sport entwickeln wird. Für Tommy war das von der Stimmung und den Besucherzahlen her ausgezeichnete EM-Turnier „ein Meilenstein und ein immens wichtiger Denkanstoß“. Dominik Kaesberg verrät, dass es „in Zukunft Gespräche geben wird, die die Gründung eines Dachverbandes und die Festlegung gewisser Statuten beinhalten werden“. Man darf gespannt sein.
|  Drei elementare Tricks des Freestyles:
„Around the world“: Man spielt den Ball mit der Außen- oder Innenseite des Fußes etwa kniehoch. Gleichzeitig bewegt sich das Spielbein nach oben und „übersteigt“ den Ball ohne ihn zu berühren. Das Kniegelenk ist dabei cirka um 90 Grad gebeugt. Der Ball wird dann mit demselben Fuß wieder angenommen.
„Side-head-stall“: Man balanciert den Ball auf dem Kopf, möglichst am Haaransatz. Nun neigt man den Kopf so zur Seite, als ob man mit dem Ohr die Schulter berühren möchte. Der Oberkörper bewegt sich ebenfalls etwas zu dieser Seite. Der Ball wird dann zwischen Ohr und Schläfe ausbalanciert.
„Sole-juggels“: Auf dem Rücken liegend wird der Ball abwechselnd mit der rechten und linken Sohle so gespielt, dass ihm eine Rotation verliehen wird, er sich aber trotzdem immer etwa über dem Bauch in der Luft befindet. Dieser Trick erfordert ein sehr spezielles Ballgefühl in der Sohle.
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Autor: ThomasBläsen Bilder: Fussballmarkt Köln
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